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Homosexualität

Fernsehwerbung ist eigentlich nichts, worauf man besonders achtet. Ich mache in der Zeit meistens irgendwas anderes oder warte einfach nur, bis sie vorbei ist. Vor ein paar Monaten hab ich allerdings einmal aus Langeweile einen ganzen Werbeblock bewusst angeschaut. Dabei hab ich mich über die durchgängig heteronormative Darstellung von Paaren und Familien geärgert. Um meinen Unmut in Worte zu fassen, habe ich dann ein „Trinkspiel für Anti-Alkoholiker“ erfunden, das so geht: Fernsehwerbung gucken und immer dann trinken, wenn ein nicht-heteronormatives Paar bzw. eine nicht-heteronormative Familie gezeigt wird. Der Clou daran war natürlich, dass so eine Werbung nicht vorkommt und die Anti-Alkoholiker deshalb nie trinken müssen.

„Leider“ würde dieses Trinkspiel momentan nicht mehr funktionieren, weil ich mittlerweile schon zwei nicht-heteronormative Werbespots gesehen habe. Nämlich die Werbung von Zign mit Andrej Pejic und einen der Spots von Desigual. Man muss ja auch mal loben. :)

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Gleich vorneweg, um die Überschrift zu relativieren: Dieses Etwas, das mich an Homosexuellen nervt, ist eine Verhaltensweise. Diese Verhaltensweise wird zwar nicht von allen Homosexuellen und auch nicht ausschließlich von Homosexuellen an den Tag gelegt, und sie nervt mich auch nicht nur bei Homosexuellen, sondern bei allen, die sie an den Tag legen. Ich möchte aber an einem konkreten Beispiel zeigen, was mich nervt, und das ist ein Text, der von einem Homosexuellen geschrieben wurde.

Es nervt mich, wenn man ständig auf seiner sexuellen Orientierung herumhackt und sich darüber definiert.

Jonathan Petrychyns Text Glee: not as queer-friendly as it pretends to be ist ein Beispiel für das, was ich meine.

Jonathan schreibt:

I fucking hate Glee.

“But Jon,” I hear you say, “You can’t hate Glee. You’re gay. Don’t you just think Kurt and Blaine make the cutest couple and are the best role models for young gay kids?”

No, no I do not, fictional straw person. I think Glee, just like Modern Family, just like Degrassi, makes a spectacle out of their gay characters, sanitizing them into easily digestible, safe, harmless and often delightful characters that any straight man or woman can love.

“But Jon,” I hear you say again, “Isn’t that a good thing? Don’t you want gays to be accepted?”

Yes, you’re right. I do want gays to be accepted. But you aren’t doing queer kids any favours by showing them that they only way they can exist is to exist like everyone else.

Ich schaue Glee nicht, deshalb kann und will ich zu der Serie inhatlich eigentlich nichts sagen. Ich habe mir aber sagen lassen, dass es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass Kurt und Blaine nicht akzeptiert worden wären, wenn sie anders gewesen wären. Es hätte mich auch gewundert, wenn es solche Anzeichen gegeben hätte. Von showing them that the only way they can exist is to exist like everyone else kann also offenbar nicht die Rede sein. Zumindest nicht explizit. Aber wie gesagt, ich kann das nicht selbst beurteilen.

Lesen wir weiter:

I hate to break it to you, but everyone else (that means you if you’re straight, probably you if you’re gay and want to get married) has been participating in a system that has, since the Victorian era, been oppressing and marginalizing queer folk. Telling me that I’m allowed into this oppressive group doesn’t make me feel better, because I’m only allowed into the group if I conform to what you, the heterosexual community, deem acceptable as “queer.”

Es stimmt, dass Homosexuelle – er nennt es queer folk, ich bin nicht sicher, wen er da alles einschließt – in vielen, wahrscheinlich in den meisten Kulturen lange Zeit unterdrückt wurden oder sogar heute noch unterdrückt werden. Aber kann man die ganze Welt als eine unterdrückende heterosexuelle Gruppe ansehen, die bestimmt, wie Homosexuelle zu sein haben, damit sie von der Gruppe akzeptiert werden? Der Meinung bin ich nicht. Ich würde eher von verschiedenen Umfeldern sprechen, die mehr oder weniger tolerant oder konservativ oder was auch immer sind.

Now, I’ll confess I gave up on Glee about three or four episodes into Season 3. The only thing that kept me going was Kurt’s story arc, which was the most compelling of the entire series. I bawled when Kurt’s dad married Finn’s mom. I was emotionally invested in the show, just like everyone else was.

And then I realized: I shouldn’t be invested in the show just like everyone else. I’m not just like everyone else. I’m a queer man. I am different. And Kurt, like me, shouldn’t want what everyone else wants. He’s different. And we need to recognize this difference and not cheer him on when he enters into a relationship that is basically just Rachel and Finn’s, but with two guys.

[…]

What we’re telling Kurt, and other queer males (don’t even get me started on the queer girls; Santana is a complex phenomenon in Glee that would warrant a whole other column) is that if you want acceptance, you have to be just like every other heterosexual couple out there. You have to want a monogamous relationship, with a well-paying job, a couple kids, a dog and a white picket fence.

Sounds awfully conservative, doesn’t it?

That’s because it is.

[…]

Glee isn’t nearly as progressive as we want to think it is, because its idea of “acceptance” is telling Kurt and Blaine and other gay males that you’ll be accepted if you want the same things your straight counterparts wants. Instead, I think it needs to work something like this: we need to recognize the difference that is queerness. Queer folk are not like heterosexual folk. We need to recognize this. Denying us the ability to define ourselves, by telling us that we’re just like you, denies us the opportunity to truly define who we are.

Unfortunately, the queer community has bought into this line. We push the “we’re just like everyone else” line so often, when, in fact, we’re not like everyone else at all. We shouldn’t want to be part of the system that has single-handedly oppressed us.

Jonathan grenzt hier ganz stark Homosexuelle und Heterosexuelle voneinander ab. Homosexuelle seien anders als Heterosexuelle und sollten daher nicht das Gleiche wollen wie Heterosexuelle. Was genau der Unterschied zwischen Homosexuellen und Heterosexuellen sein soll, schreibt er jedoch nicht. Lasst mich es euch daher sagen: Homosexuelle möchten gleichgeschlechtliche Partner, während Heterosexuelle andersgeschlechtliche Partner möchten. Das war’s. Das ist alles. Alles andere – monogame Beziehung, Kinderwunsch, weißer Gartenzaun – sind persönliche Vorstellungen und Wünsche, die nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun haben.

Jonathan wirft den Heterosexuellen vor, ihm und allen anderen Homosexuellen die Möglichkeit zu verweigern, sich selbst zu definieren. Gleichzeitig verweigert er Homosexuellen, bestimmte Wünsche zu haben. Natürlich darf man niemandem das Gefühl geben, dass er gefälligst eine monogame Beziehung und Kinder und einen weißen Gartenzaun zu wollen habe, damit er akzeptiert wird. Guess what, es gibt auch Heterosexuelle, die das nicht wollen. Man darf aber auch niemandem das Gefühl geben, dass er nicht akzeptiert wird, wenn er genau das will. So unterdrückend die Heterosexuellen Joanathans Meinung nach sind, so unterdrückend ist er selbst, nur umgekehrt. Wie die Heterosexuellen seiner Meinung nach Homosexuelle unterdrücken, die „zu homo“ sind, unterdrückt er Homosexuelle, die „zu hetero“ sind. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

How do we get out of that system? The first step would be to speak out against Glee, and stop deifying it as this bastion of acceptance and progressive values. Let’s be queer. Let’s take the opportunity to look at these heterosexual institutions and rework them so they work for everyone, and not just those who fit the mold.

You never know; it just might create the post-sexuality world we want.

Nein, wird es nicht. Ein Verhalten, das ein Augenmerk auf die vermeintliche unüberbrückbare Unterschiedlichkeit von Homosexuellen und Heterosexuellen legt, kann gar nicht zu einer post-sexuality Welt führen. Das Einzige, was zu so einer Welt führen kann, ist, dass wir die sexuelle Orientierung nicht mehr so wichtig nehmen, sondern sie endlich als das ansehen, was sie ist: Ein Teil von uns, der unsere Partnerwahl beeinflusst, uns aber nicht definiert.

I hate to break it to you, but you’re not that special after all.

Habt ihr schon mal von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gehört? Nein? Hatte ich auch nicht, bis mir vor ein paar Tagen an einem Bahnhof ein Plakat auffiel. Auf dem Plakat waren viele kleine Holzschubladen zu sehen, einige davon beschriftet mit Kategorien wie „Frau“, „Mann“, „Trans“, „intersexuell“. Auf dem Plakat selbst stand: „Kein Mensch passt in eine Schublade! Werden Sie aufgrund Ihres Geschlechts diskriminiert? Lassen Sie sich beraten“

Das Plakat ist Teil der aktuellen Kampagne der Antidiskriminierungstelle des Bundes. Außer „Geschlecht“ gibt es noch fünf weitere Versionen davon: Alter, Behinderung, ethische Herkunft, Religion oder Weltanschauung und sexuelle Identität. Gut gelungen!

Ansehen kann man sich die Plakate übrigens auch hier: Klick

Schon zum sechsten Mal ruft der freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften zu den Aktionstagen gegen Sexismus und Homophobie auf. Unter dem diesjährigen Motto „Stereotype“ wird es vom 7. bis 11. November an verschiedenen deutschen Universitäten Aktionen geben.

Der offizielle Aufruf und weitere Informationen finden sich auf der Seite des freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften: www.kein-sexismus.de

Dort gibt es unter „Programm“ auch eine – wenn auch (noch?) nicht vollständige – Auflistung der Aktionen an den Hochschulen. Wisst ihr von einer Aktion, die dort noch nicht eingetragen ist, teilt es den Betreibern der Seite doch bitte mit. Die entsprechende e-Mail-Adresse findet ihr hier: Klick

Vor einiger Zeit war ich abends in einer Kneipe. An jenem Abend war auch eine fremde Frau mit einem ebenfalls fremden Begleiter anwesend. Fremd waren die beiden deshalb, weil sie aus einer anderen Stadt kamen, noch nie zuvor in jener Kneipe gewesen waren und dort auch niemanden kannten. Das hielt zumindest die Frau jedoch nicht davon ab, sich mit anderen Gästen zu unterhalten als wären sie alte Bekannte. So auch mit einem offen lesbischen Paar mittleren Alters, das zwar nicht unmittelbar neben mir, aber noch in Hörweite saß. Da die Fremde durch ihr extrovertiertes Wesen, das, wenn nicht durch ihre zunehmende Trunkenheit verursacht, doch zumindest dadurch unterstützt wurde, schon für einige Lacher meinerseits gesorgt hatte, bemühte ich mich, ihr Gespräch mit dem Paar zu verfolgen. Dem allgemeinen Lautstärkepegel ist es geschuldet, dass ich nicht alles verstand, aber der Ausspruch „Lesbisch? Akzeptier ich!“ ließ mich aufhorchen. Ich war etwas verwundert und gleichzeitig irritiert. Verwundert war ich darüber, dass die Fremde erst im Gespräch erfahren hatte, dass die beiden Frauen ein Paar waren, denn das war offensichtlich. Ich hatte noch nie jemanden ein Wort darüber verlieren hören; für die Stammgäste war das Paar wie jedes andere auch. Dass die Fremde die Frauen nicht direkt als Paar erkannt hatte, war aber nicht weiter schlimm. Schlimm war ihre Reaktion, die mich so irritierte, die Versicherung, dass sie das Lesbischsein der beiden Frauen akzeptiere. Auf den ersten Blick mag diese Reaktion positiv sein. Hey, sie hat nichts gegen Lesben, sie akzeptiert sie sogar, ist doch super! Mir stieß das jedoch instinktiv sauer auf, und nach kurzer Überlegung wusste ich auch, warum. Das Paar hatte die Akzeptanz der Frau nicht nötig. Wie oben schon erwähnt, nahm das Paar in der Kneipe keine Sonderstellung ein. Niemand gab ihnen das Gefühl, „anders“ zu sein. Niemand, bis auf diese fremde Frau, die mit ihrem sicherlich gut gemeinten Ausspruch sagen wollte, dass sie nichts gegen Lesben hatte. Obwohl ihr vermutlich nicht bewusst war, dass ihr Ausspruch implizierte, dass Homosexualität im Gegensatz zu Heterosexualität gesonderter Akzeptanz bedürfte, gab sie dem Paar damit eine Sonderstellung. Diese Sonderstellung, die sie jenem Paar stellvertretend für alle gleichgeschlechtlichen Paare gab, lehnte (und lehne) ich entschieden ab, denn homosexuelle Menschen sind genauso „normal“ wie heterosexuelle auch. Ich nahm an, dass die beiden Frauen das ähnlich sähen wie ich, und wartete gespannt auf eine entsprechende Reaktion. Aber es kam keine. Ich weiß nicht, ob sie nicht bemerkt hatten, dass die Fremde ihnen eine Sonderstellung gab, ob es ihnen egal war oder ob sie es aus anderen Gründen übergingen, aber ich war irritiert. Die Frauen mussten doch für ihre Gleichheit eintreten! Aber sie taten es nicht, und ich fühlte mich auch nicht berufen, mich in das fremde Gespräch zu mischen. Wenn die Frauen nicht auf ihre Gleichheit pochten, welches Recht hätte ich dann gehabt, das für sie zu übernehmen? Keines. Aber auf meine eigene Gleichheit kann ich bestehen. Ich will keine Sonderstellung aufgrund meiner sexuellen Orientierung. Niemand sollte das wollen, und wer sich einer Sonderstellung aufgrund seiner sexuellen Orientierung ausgesetzt sieht, sollte dagegen vorgehen.

(Am Rande sei noch bemerkt, dass die Fremde im weiteren Verlauf des Abends die Sonderstellung, die sie den beiden Frauen gegeben hatte, bekräftigte, indem sie beide unvermittelt auf den Mund küsste, wogegen das Paar jedoch auch nichts sagte. Bei anderen Gästen tat die Fremde das nicht. Aber hey, sind doch Lesben, da ist das schon in Ordnung!)