Mach’s selbst – Do it yourself für Mädchen

Durch Twitter bin ich vor einiger Zeit auf das feministische Selber-mach-Buch „Mach’s selbst – Do it yourself für Mädchen“ von den Autorinnen Sonja Eismann und Chris Köver und der Grafikerin Daniela Burger gestoßen und war sofort davon begeistert, weil es laut Beschreibung nicht nur „klassische“ Bastelanleitungen enthalte, sondern auch Dinge, mit denen Mädchen auch heutzutage immer noch viel zu selten in Berührung gebracht werden, nämlich Dinge, die wirklich praktisch sind und eine unabhängiger machen, und einer zeigen, dass Mädchen-Sein eine von nichts abhalten muss. Auch nicht von Dingen, die Werkzeug erfordern und/oder bei denen eine sich die Finger schmutzig machen kann. So geht aus der Beschreibung hervor, dass eine mit dem Buch zum Beispiel lernen könne, wie sie Fahrradreifen flicken, Musikanlagen anschließen, eine Band gründen oder Dübel in die Wand bringen kann. Aber auch „klassische Mädchenthemen“ wie backen, kochen, Gemüse anpflanzen und Partys organisieren kämen nicht zu kurz.

So weit, so gut. Weiter als „ah, sowas gibt es, super!“ wäre mein persönliches Interesse dann nicht mehr gegangen, denn ich bin ja schon groß. Allerdings habe ich das Buch als diesjähriges Geburtstagsgeschenk für meine kleine Cousine auserkoren, was mir die Gelegenheit gegeben hat, es auch selber durchzublättern. Ich will ja wissen, was ich verschenke. Und ich muss sagen, meine Erwartungen wurden nicht nur nicht enttäuscht, sondern sogar bei weitem übertroffen. Das Buch gibt nicht nur schnöde Anleitungen, sondern lädt auch an vielen Stellen zum selber Nach- und Querdenken ein. Zum Beispiel wird dargelegt, wie wichtig es ist, die eigene Meinung zum Ausdruck zu bringen, besonders, wenn eine etwas schlecht findet, und auch, wie einfach das heutzutage ist, etwa in einem Leserbrief, Zine oder Blog. Außerdem gibt es Anleitungen (um nicht zu sagen Anstiftung) zu Street Art und Tipps, wie eine ihre eigenen Protestaktionen bekannter machen kann. Was ich außerdem gut finde, ist, dass es auch einige Interviews mit Frauen gibt, die im Buch beschriebene Dinge beruflich/professionell machen, Hinweise zu nicht-diskriminierender Sprache und veganer Lebensweise, Containern und Volksküchen, Tipps, wie eine schlagfertig werden und sich gegen Mobbing und Rassismus einsetzen kann, der Bechdel-Test wird erwähnt, etc. Zu fast jedem Thema sind weiterführende Links angegeben, u. a. auch zur Mädchenmannschaft. Übrigens ist im Buch konsequent das generische Femininum verwendet, inklusive Erklärung dazu. Und das alles, ohne auch nur einmal das böse, abschreckende F-Wort „feministisch“ zu verwenden. Echt klasse.

Als kleine Kritikpunkte habe ich lediglich folgende: 1. Obwohl im Vorwort steht, dass das Buch trotz durchgängigem Femininum auch für Jungs und Männer ist, steht auf dem Cover explizit „für Mädchen“. Ich verstehe, wieso das so ist, es ist nun mal vorrangig an Mädchen gerichtet, um diese zu stärken und mit feministischen Ideen in Berührung zu bringen. Aber wenn auch im Vorwort steht, dass das Buch auch für Jungs ist (und es ist wichtig, auch Jungs mit diesen Ideen in Berührung zu bringen), so wird doch wohl kaum ein Junge ein Buch geschenkt bekommen, auf dem „für Mädchen“ steht, geschweige denn es sich selbst kaufen. Wenn wirklich auch Jungs angesprochen werden sollen, hätte sich das auch auf dem Cover widerspiegeln sollen („für Mädchen (und Jungs)“). 2. Es gibt zwar, was ich großartig finde, eine Seite zu vegetarischer und veganer Ernährung (auch wenn das für meinen persönlichen Geschmack ausführlicher hätte sein können), jedoch wird das (Veganismus, der dem Vegetarismus vorzuziehen ist) nicht praktisch durchgezogen. Es gibt zwar ein Rezept für Chili sin carne (Chili con carne ohne Fleisch), aber das enthält saure Sahne, obwohl es wirklich keine große Sache gewesen wäre, das durch Sojasahne zu ersetzen. Außerdem gibt es ein Rezept für einen Rührkuchen, das Butter, gleich fünf Eier und „Milch oder Sojamilch“ enthält. Sorry, aber wenn in dem Teig schon Butter und Eier sind, reißt Sojamilch statt Kuhmilch es auch nicht mehr raus. Das ist sehr schade, weil man Fleischessern die vegane Lebensweise durch nichts schmackhafter machen kann als durch leckere vegane Gerichte. Und es ist ja auch nicht so, als gäbe es keine veganen Kuchenrezepte. 3. Wie oben schon erwähnt, will das Buch zum Bloggen anregen, und das ist ja auch echt super. Allerdings ist die Seite, an deren Beispiel erklärt wird, wie man einen Blog anlegt, … Tumblr. Ich verstehe den Gedanken dahinter: Ein Tumblr ist schnell registriert und unkompliziert (wenn man erst mal dahinter gekommen ist). Allerdings habe ich so die Vermutung, dass sich die Autorinnen nie wirklich näher mit Tumblr beschäftigt haben. Mir behagt jedenfalls der Gedanke so gar nicht, dass meine 12-jährige Cousine in diese Welt aus extremen Fandoms, Slash-Fanfictions, Porno-Gifs und anderen, ihrem Alter nicht angemessenen Inhalten vorstoßen könnte. Ganz ehrlich, das ist meines Erachtens das größte Manko des Buchs und ich überlege ernsthaft, ob ich diese eine Seite aus dem Buch entfernen sollte, bevor ich es ihr gebe.

Davon abgesehen kann ich das Buch jedoch nur empfehlen. Mädchen sowieso, und Jungs, die über das explizite „für Mädchen“ hinwegsehen können, auch. Am liebsten würde ich sogar in der Zeit zurückreisen und meinem jüngeren Ich das Buch schenken.

 

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4 Kommentare
  1. Danke für den Buchtipp!

    Anstatt zu „zensieren“ und eine Seite zu entfernen, kannst Du ja auch Deine eigenen Tipps und ein paar gute vegane Rezepte hinein schreiben.

    • Gerngeschehen. :)

      Ja, das hab ich mir auch schon überlegt. Mal sehen, ich hab noch ein bisschen Zeit, um mich zu entscheiden…

    • Ich weiß es im Moment ehrlich gesagt nicht… Aber es freut mich zu hören, dass du daran Interesse hättest. :)

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