Rassismus in meinem persönlichen Umfeld und Menschen, die dabei zusehen

Ich habe mal gedacht, in meinem persönlichen Umfeld gäbe es keinen Rassismus. Fast jede_r in meinem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis hat nette „ausländische“ Freunde, Arbeitskollegen, Klassenkameraden etc. Ich könnte ein Dutzend Geschichten von gelungenem Miteinander erzählen, von Frauen, die regelmäßig thailändische Kochkurse mit in die Dorfgemeinschaft gezogenen Thailänderinnen veranstalten, über meinen Bruder und seinen dunkelhäutigen Klassenkameraden mit Muttersprache Französisch, die miteinander ihre Deutsch- und Französischhausaufgaben machten, bis zu einer Frau über 60, deren Sohn in Thailand eine Familie gegründet hat und die nun thailändisch lernt, um sich bei Besuchen dort verständigen zu können.

Aber es gibt auch eine andere Seite. Es gibt die offenbar tief verwurzelte Tendenz, auf der Herkunft ausländischer Mitmenschen herumzuhacken/ihre Herkunft verantwortlich zu machen, sobald diese etwas „Falsches“ oder als störend Empfundenes machen. Oft wird etwas auch schlimmer empfunden, gerade weil „ein Ausländer“ es gemacht hat. Seit mir das bewusst ist, fällt es mir jedes Mal auf. Aber nicht jedes Mal prangere ich es an, und das finde ich extrem scheiße von mir. So scheiße sogar, dass ich diesen Blogeintrag schreibe, um von drei relativ aktuellen Vorfällen zu erzählen, die ich bereue, bei denen ich Rassismus/rassistische Tendenzen erkannt, aber nicht angeprangert habe.

In unserer Wohngegend ist die Parksituation sehr schlecht. Die Straßen sind eng und es gibt nur wenige öffentliche Parkplätze, aber man arrangiert sich irgendwie. Es kam schon einige Male vor, dass Menschen (zufälligerweise „Ausländer“, die da nun mal wohnen) zu dicht an meiner Garage geparkt hatten. Das war nervig, aber nach einem netten Hinweis darauf ist es nicht mehr vorgekommen. Trotzdem erzählt mir eine ältere Nachbarin noch regelmäßig, dass „die Ausländer“ da immer so vor meiner Garage parkten, wie scheiße das denn wäre und ob mich das denn nicht störe. Ja, sie, die nicht betroffen ist, stört sich mehr daran als ich. Auch stört sie sich daran, dass die eine Familie im Sommer oft grillt. Einmal habe ich gesehen, wie sie mit dem Fahrrad vorbeigefahren ist und schon von weitem „Bäh, bäh, das stinkt!“ gerufen hat. Sie sucht eine Verbündete in mir. Ich stimme ihr nie zu, aber das reicht nicht. Ich sollte sie zurechtweisen.

Mein zehnjähriger Bruder, der gleiche, den ich im ersten Absatz lobend erwähnt habe, hat vor kurzem irgendwelche Leute, die am Haus vorbeikamen, uns gegenüber als „scheiß Russen“ bezeichnet. Unser Vater meinte dazu nur, dass er die das bloß nicht hören lassen solle. Wäre ich mit meinem Bruder allein gewesen, ich hätte ihm einen Vortrag gehalten. Aber vor meinem Vater hatte ich Hemmungen und habe nichts gesagt. Das dürfte nicht sein. Ich sollte bei sowas auch vor meinem Vater keinen Halt machen.

Ein Bekannter hatte am Wochenende im Suff einen Streit mit einem anderen („ausländischen“) Mann. Keine Ahnung, was der Anlass war, vermutlich irgendeine Nichtigkeit. Im Verlauf des Streits hat mein Bekannter den Anderen einen „Dreckstürken“ genannt. Ich stand direkt daneben und habe nichts gesagt. Genau wie ein Dutzend andere Menschen in Hörweite auch. Weil ich wieder die Einzige gewesen wäre, die das „so eng“ sieht und er mir am Ende noch eine dumme Diskussion darüber auf’s Auge gedrückt hätte. Aber davon dürfte ich mich nicht abschrecken lassen. Jemand muss etwas sagen, und wenn keiner was sagt, muss ich es tun.

Ich will die Menschen in meinem Umfeld spüren lassen, dass ich Rassismus und rassistische Äußerungen nicht dulde, und ich wünschte, mehr andere Menschen würden das auch tun.

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