Etwas, das mich an Homosexuellen nervt

Gleich vorneweg, um die Überschrift zu relativieren: Dieses Etwas, das mich an Homosexuellen nervt, ist eine Verhaltensweise. Diese Verhaltensweise wird zwar nicht von allen Homosexuellen und auch nicht ausschließlich von Homosexuellen an den Tag gelegt, und sie nervt mich auch nicht nur bei Homosexuellen, sondern bei allen, die sie an den Tag legen. Ich möchte aber an einem konkreten Beispiel zeigen, was mich nervt, und das ist ein Text, der von einem Homosexuellen geschrieben wurde.

Es nervt mich, wenn man ständig auf seiner sexuellen Orientierung herumhackt und sich darüber definiert.

Jonathan Petrychyns Text Glee: not as queer-friendly as it pretends to be ist ein Beispiel für das, was ich meine.

Jonathan schreibt:

I fucking hate Glee.

“But Jon,” I hear you say, “You can’t hate Glee. You’re gay. Don’t you just think Kurt and Blaine make the cutest couple and are the best role models for young gay kids?”

No, no I do not, fictional straw person. I think Glee, just like Modern Family, just like Degrassi, makes a spectacle out of their gay characters, sanitizing them into easily digestible, safe, harmless and often delightful characters that any straight man or woman can love.

“But Jon,” I hear you say again, “Isn’t that a good thing? Don’t you want gays to be accepted?”

Yes, you’re right. I do want gays to be accepted. But you aren’t doing queer kids any favours by showing them that they only way they can exist is to exist like everyone else.

Ich schaue Glee nicht, deshalb kann und will ich zu der Serie inhatlich eigentlich nichts sagen. Ich habe mir aber sagen lassen, dass es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass Kurt und Blaine nicht akzeptiert worden wären, wenn sie anders gewesen wären. Es hätte mich auch gewundert, wenn es solche Anzeichen gegeben hätte. Von showing them that the only way they can exist is to exist like everyone else kann also offenbar nicht die Rede sein. Zumindest nicht explizit. Aber wie gesagt, ich kann das nicht selbst beurteilen.

Lesen wir weiter:

I hate to break it to you, but everyone else (that means you if you’re straight, probably you if you’re gay and want to get married) has been participating in a system that has, since the Victorian era, been oppressing and marginalizing queer folk. Telling me that I’m allowed into this oppressive group doesn’t make me feel better, because I’m only allowed into the group if I conform to what you, the heterosexual community, deem acceptable as “queer.”

Es stimmt, dass Homosexuelle – er nennt es queer folk, ich bin nicht sicher, wen er da alles einschließt – in vielen, wahrscheinlich in den meisten Kulturen lange Zeit unterdrückt wurden oder sogar heute noch unterdrückt werden. Aber kann man die ganze Welt als eine unterdrückende heterosexuelle Gruppe ansehen, die bestimmt, wie Homosexuelle zu sein haben, damit sie von der Gruppe akzeptiert werden? Der Meinung bin ich nicht. Ich würde eher von verschiedenen Umfeldern sprechen, die mehr oder weniger tolerant oder konservativ oder was auch immer sind.

Now, I’ll confess I gave up on Glee about three or four episodes into Season 3. The only thing that kept me going was Kurt’s story arc, which was the most compelling of the entire series. I bawled when Kurt’s dad married Finn’s mom. I was emotionally invested in the show, just like everyone else was.

And then I realized: I shouldn’t be invested in the show just like everyone else. I’m not just like everyone else. I’m a queer man. I am different. And Kurt, like me, shouldn’t want what everyone else wants. He’s different. And we need to recognize this difference and not cheer him on when he enters into a relationship that is basically just Rachel and Finn’s, but with two guys.

[…]

What we’re telling Kurt, and other queer males (don’t even get me started on the queer girls; Santana is a complex phenomenon in Glee that would warrant a whole other column) is that if you want acceptance, you have to be just like every other heterosexual couple out there. You have to want a monogamous relationship, with a well-paying job, a couple kids, a dog and a white picket fence.

Sounds awfully conservative, doesn’t it?

That’s because it is.

[…]

Glee isn’t nearly as progressive as we want to think it is, because its idea of “acceptance” is telling Kurt and Blaine and other gay males that you’ll be accepted if you want the same things your straight counterparts wants. Instead, I think it needs to work something like this: we need to recognize the difference that is queerness. Queer folk are not like heterosexual folk. We need to recognize this. Denying us the ability to define ourselves, by telling us that we’re just like you, denies us the opportunity to truly define who we are.

Unfortunately, the queer community has bought into this line. We push the “we’re just like everyone else” line so often, when, in fact, we’re not like everyone else at all. We shouldn’t want to be part of the system that has single-handedly oppressed us.

Jonathan grenzt hier ganz stark Homosexuelle und Heterosexuelle voneinander ab. Homosexuelle seien anders als Heterosexuelle und sollten daher nicht das Gleiche wollen wie Heterosexuelle. Was genau der Unterschied zwischen Homosexuellen und Heterosexuellen sein soll, schreibt er jedoch nicht. Lasst mich es euch daher sagen: Homosexuelle möchten gleichgeschlechtliche Partner, während Heterosexuelle andersgeschlechtliche Partner möchten. Das war’s. Das ist alles. Alles andere – monogame Beziehung, Kinderwunsch, weißer Gartenzaun – sind persönliche Vorstellungen und Wünsche, die nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun haben.

Jonathan wirft den Heterosexuellen vor, ihm und allen anderen Homosexuellen die Möglichkeit zu verweigern, sich selbst zu definieren. Gleichzeitig verweigert er Homosexuellen, bestimmte Wünsche zu haben. Natürlich darf man niemandem das Gefühl geben, dass er gefälligst eine monogame Beziehung und Kinder und einen weißen Gartenzaun zu wollen habe, damit er akzeptiert wird. Guess what, es gibt auch Heterosexuelle, die das nicht wollen. Man darf aber auch niemandem das Gefühl geben, dass er nicht akzeptiert wird, wenn er genau das will. So unterdrückend die Heterosexuellen Joanathans Meinung nach sind, so unterdrückend ist er selbst, nur umgekehrt. Wie die Heterosexuellen seiner Meinung nach Homosexuelle unterdrücken, die „zu homo“ sind, unterdrückt er Homosexuelle, die „zu hetero“ sind. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

How do we get out of that system? The first step would be to speak out against Glee, and stop deifying it as this bastion of acceptance and progressive values. Let’s be queer. Let’s take the opportunity to look at these heterosexual institutions and rework them so they work for everyone, and not just those who fit the mold.

You never know; it just might create the post-sexuality world we want.

Nein, wird es nicht. Ein Verhalten, das ein Augenmerk auf die vermeintliche unüberbrückbare Unterschiedlichkeit von Homosexuellen und Heterosexuellen legt, kann gar nicht zu einer post-sexuality Welt führen. Das Einzige, was zu so einer Welt führen kann, ist, dass wir die sexuelle Orientierung nicht mehr so wichtig nehmen, sondern sie endlich als das ansehen, was sie ist: Ein Teil von uns, der unsere Partnerwahl beeinflusst, uns aber nicht definiert.

I hate to break it to you, but you’re not that special after all.

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3 Kommentare
  1. Schön! Du hast da ’nen Gedanken ausgesprochen, mit dem ich mich in letzter Zeit auch beschäftigt habe. Warum soll die sexuelle Orientierung so determinierend auf alles daneben sein? Warum ist es (zunächst) nicht einfach scheißegal, wie der andere diesbezüglich tickt? Tut ja keinem weh.

    Die Nuss

  2. markus sagte:

    den letzten satz finde ich unverschämt. ich wäre gerne nichts spezielles und hätte auch gerne die gleichen rechte wie alle anderen auch – habe ich aber nicht.
    und natürlich werde ich über meine homosexualität definiert von heterosexuellen, ständig, genauso, wie ich permanent darauf reduziert werde. was ist das theater um schwule fußballer denn anderes? alle warten darauf, dass sich jetzt dann endlich mal einer outet. ich bin sicher, es wird dann nur um seine spielerische leistung gehen, weil er ja nichts spezielles ist.

    entweder ergehen sich heterosexuelle darin, wie normal homosexualität doch sei oder sie ergehen sich darin, wie nervig die homosexuellen doch seien, wegen [beliebigen „grund“ einfüllen, der meistens ein klischee bedient, das von heterosexuellen über homosexuelle in die welt gesetzt wurde]. wenn du das verhalten doch an nicht homosexuellen auch kennst, warum schreibst du dann, dass es ein verhalten ist, das dich an homosexuellen stört? merkst du nicht, wie entlarvend das ist? würdest du homosexualität als etwas ganz normales sehen, würdest du homosexualität hier nicht erwähnen.

    außerdem ist es wirklich amüsant. in einer welt, in der ganz offensichtlich männer und frauen unterschiedlich sozialisiert werden und deren strukturen auf mann plus frau ausgerichtet ist, anzunehmen, dass es keinen unterschied machen würde, homosexuell zu sein.
    so etwas kann auch nur von jemandem kommen, der keine ahnung von der lebensrealität von homosexuellen hat. und bitte erspare mir jetzt, dass du auch einen schwulen kennst und dich deshalb für einen experten hälst.

    ein heterosexueller muss sich nicht „outen“. alle gehen davon aus, dass man heterosexuell ist. ein heterosexueller muss sich auch nicht überlegen, wem er sagt, dass er heterosexuell ist und wo er seine heterosexualität in der öffentlichkeit besser nicht nach außen hin erkennbar lebt. ich habe noch nie gehört, dass jemand wegen seiner heterosexualität beleidigt wird oder gar bedroht, menschen einem ungefragt mitteilen, dass sie heterosexuelle eklig finden, sie das lokal verlassen sollen oder bitte nicht so eklig in der öffentlichkeit händchen halten sollen, sowas sei doch privatsache, heilbar bzw. einfach krank. für heterosexualität muss man sich auch nicht rechtfertigen oder erklären und in der regel werden heterosexuelle auch nicht mit absolut intimen fragen bombardiert wie der danach, wie mann da so sex hat und wer dann da die frau ist usw. oder wann hast du das letzte mal den satz gehört „du schaust gar nicht aus wie ein heterosexueller“? ein beliebter klassiker gegenüber schwulen von heterosexuellen.

    und queer ist nicht gleich homosexuell, es geht darüber hinaus und ist ein gegenentwurf zur heteronormativität, darum geht es, nicht um homo vs. hetero. du hast nicht verstanden, um was es in den zitaten geht, denn es richtet sich nicht gegen heterosexualität, sondern gegen heteronormativität. etwas, das du nicht kritisch hinterfragen musst, weil du rein passt, was aber jeder tun muss, der da nicht rein passt, also zwangsläufig homosexuelle. ein aspekt der heteronormativität ist auch diese ignoranz heterosexueller gegenüber gruppen, die nicht in dieses gefüge passen und, wie in deinem fall, das verächtlich machen, bzw. nicht ernst nehmen, der anderen perspektive und den schwierigeren bedingungen, mit denen diese gruppen umgehen müssen.

    • Ich habe geschrieben, dass mich diese Verhaltensweise NICHT NUR an Homosexuellen stört. Anlass für den Blogeintrag war aber dieser Artikel von Jonathan Petrychyn, darin geht es eben um Homosexuelle. Ich sehe Homosexualität als das an, was es ist: etwas, das uns in unserer Partnerwahl beeinflusst, mehr nicht. Jonathan Petrychyn tut das nicht, er will Homosexuellen vorschreiben, dass sie keinen weißen Gartenzaun wollen dürfen, weil das „hetero“ ist. Merkst du was? Das ist genauso, wie wenn jemand sagt, ein Heterosexueller darf xy nicht, weil das „schwul“ ist.

      Es geht auch nicht darum, dass Heterosexuelle (nicht alle) dich nicht über deine sexuelle Orientierung definieren würden, sondern dass du nicht selber ständig auf deiner sexuellen Orientierung rumhacken sollst. Damit machst du es nur schlimmer, weil du den vermeintlichen Unterschied (der sich – ich kann es nicht oft genug sagen – nur auf deine Partnerwahl bezieht) betonst.

      Ich sage nicht, dass es in einer Welt, in der Menschen heteronormativ sozialisiert werden, keinen Unterschied macht, ob man heterosexuell oder homosexuell ist. Ich sage, dass es keinen Unterschied machen SOLLTE. Das muss das Ziel sein. Und das erreicht man nicht, indem man so tut, als wäre die sexuelle Orientierung mehr als die sexuelle Orientierung.

      Der Gegenentwurf zur Heteronormativität darf keine „Homonormativität“ sein, die Homosexuellen vorschreibt, wie sie zu sein haben. Es geht darum, dass jeder Mensch die Freiheit hat, sein Leben so zu gestalten, wie er will. Das hat Jonathan Petrychyn aber nicht verstanden.

      Und du hast offensichtlich nicht verstanden, worum es mir geht. Ich unterstelle einfach mal, dass das der einzige meiner Blogeinträge ist, den du gelesen hast. Was glaubst du wohl, wieso dieser Blog „QUEERgedacht“ heißt? Und wo hast du überhaupt herausgelesen, dass ich heterosexuell wäre?

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