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Archiv für den Monat Oktober 2011

…die meinen Artikel zum XY/XX Konzert überheblich, unnötig, scheiße und was nicht noch alles fanden:

Ich möchte euch ein Lied ans Herz legen, ja, von EURER Band. Das gröhlt ihr doch alle immer so schön mit. Jetzt wäre ein geeigneter Zeitpunkt, sich über den Text auch einmal Gedanken zu machen.

Deine Schuld

Hast du dich heute schon geärgert, war es heute wieder schlimm?
Hast du dich wieder gefragt, warum kein Mensch was unternimmt?
Du musst nicht akzeptieren, was dir überhaupt nicht passt
Wenn du deinen Kopf nicht nur zum Tragen einer Mütze hast

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist
Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt
Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist
Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt, wenn sie so bleibt

Glaub keinem, der dir sagt, dass du nichts verändern kannst
Die, die das behaupten, haben nur vor Veränderung Angst
Es sind dieselben, die erklären, es sei gut so, wie es ist
Und wenn du etwas ändern willst, dann bist du automatisch Terrorist

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist
Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt
Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist
Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt
Weil jeder, der die Welt nicht ändern will
Ihr Todesurteil unterschreibt

Lass uns diskutieren, denn in unserem schönen Land
Sind zumindest theoretisch alle furchtbar tolerant
Worte wollen nichts bewegen, Worte tun niemandem weh
Darum lass uns drüber reden, Diskussionen sind ok

Geh mal wieder auf die Straße, geh mal wieder demonstrieren
Denn wer nicht mehr versucht zu kämpfen, kann nur verlieren
Die dich verarschen, die hast du selbst gewählt
Darum lass sie deine Stimme hören, weil jede Stimme zählt

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist
Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt
Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist
Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist
Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt

Als ich vor ein paar Tagen in meiner Twitter-Timeline las, dass die Ärzte ein „Männerkonzert“ und ein „Frauenkonzert“ gäben, hielt ich das für einen schlechten Scherz. Aber ich lag falsch. Es stimmt tatsächlich.

Offiziell nennt sich das „Die Ärzte XY/XX Konzert“. Mit „XY/XX“ sind die sogenannten Geschlechtschromosomen gemeint. Dem Namen nach zu urteilen gäbe es also ein Konzert für Menschen mit XY-Chromosomen und eins für Menschen mit XX-Chromosomen. Das wäre lustig – wenn auch schwer zu überprüfen (Es bringe bitte jeder ein ärztliches Attest mit, auf dem angegeben ist, welche Chromosomen er habe!) und etwas diskriminierend (Es gibt Menschen, deren Geschlechtschromosome von XY/XX abweichen). Man stelle sich vor: Das eine Konzert voller Männer, Transfrauen und Drag Queens und das andere voller Frauen, Transmänner und Drag Kings! Wäre das nicht eine tolle Mischung?

Aber es kommt ja gar nicht wirklich auf die Geschlechtschromosomen an. Auf der offiziellen Seite der Ärzte (bademeister.com) steht:

Ausschließlich männliches Publikum und ausschließlich weibliches Publikum, aha. Das hätte ich gern näher definiert. Wie sieht es mit Menschen aus, die unter dem Transgender-Schirm stehen?

Folgendes soll der Aufklärung dienen:

Entscheidend ist also der Geschlechtsstatus im Sinne des Melderegisters. Wenn das Geschlecht wirklich nur eine Angabe im Melderegister wäre, eine unwichtige, willkürliche Einteilung, dann wäre das ja in Ordnung. Aber Menschen sind keine Sachgegenstände, die man einfach nach Belieben kategorisieren kann. Geschlecht ist nicht, welche Chromosomen man hat oder was im Melderegister steht. Geschlecht hat mit Identität zu tun, und die Geschlechtsidentität muss nicht mit den Chromosomen oder dem Eintrag im Melderegister übereinstimmen. In vielen Fällen, vielleicht sogar in den meisten Fällen, tut sie das, ja. Aber nicht in allen. Und diese Fälle, diese Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem Eintrag im Melderegister übereinstimmt, werden hier diskriminiert.

Wobei, es wird ja nicht einmal der Eintrag im Melderegister kontrolliert (Es bringe bitte jeder eine beglaubigte Kopie seiner Geburtsurkunde mit!). Es werden AUGENSCHEIN-KONTROLLEN durchgeführt. Das heißt, die Einlasser bestimmen, ob jemand „männlich“ bzw. „weiblich“ genug aussieht! Und wenn sie sich nicht sicher sind, gucken sie, welchem Geschlecht der Name, der im Personalausweis steht, zuzuordnen ist. Was für Cismänner und Cisfrauen (Cisgender = Geschlechtsidentität und körperliches Geschlecht stimmen überein) kein Problem ist, wird für Transmänner und Transfrauen zum Pokerspiel. Wenn sie Glück haben, nehmen die Einlasser ihr Geschlecht als das gewünschte wahr und lassen sie hinein. Wenn sie aber Pech haben (Nicht allen Transmännern und Transfrauen gelingt es, ihr Geburtsgeschlecht ausreichend zu kaschieren), wird ihr Personalausweis kontrolliert und sie werden nicht eingelassen, weil der Name, der dort eingetragen ist, nicht mit ihrem gefühlten Geschlecht übereinstimmt.* Transgender sind somit der Willkür der Einlasser unterworfen.

Warum bei der Frage auch „schwul“ und „lesbisch“ aufgeführt werden, erschließt sich mir übrigens überhaupt nicht. Die sexuelle Orientierung hat ja mal so gar nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Und was mich sonst noch aufgeregt hat:

Dieses Reproduzieren von Geschlechterrollenklischees. Männer trinken (tendenziell) Bier und Frauen gehen (tendenziell) oft auf die Toilette. Ja, das kann man häufig beobachten. Aber ist das „von Natur aus“ so, oder vielleicht deshalb, weil uns immer wieder – wie in dem Fall von den Ärzten – eingetrichtert wird, dass wir uns als „Mann“ bzw. als „Frau“ so und so zu verhalten haben?

Naja, immerhin können die Frauen (hoffentlich) unbehelligt die Herrentoilette mitbenutzen, wenn Männer auf dem Konzert nicht erlaubt sind.

Männerschweiß riecht unangenehmer als Frauenschweiß, ja, das kann ich nicht abstreiten. Der Rat, ein gutes Deodorant zu benutzen, ist kein schlechter, aber ein unnötiger, denn darauf sollte eigentlich jeder von allein kommen können.

Frauen haben aus anatomischen Gründen (kürzere Stimmlippen) tendenziell höhere Stimmen als Männer, das stimmt. Aber deshalb einen Gehörschutz mit speziellem Hochtonfilter zu empfehlen, grenzt meines Erachtens schon an Sexismus. Ebenso die – wenn auch (hoffentlich) nicht ganz ernst gemeinte – Bitte an die Frauen (nur die Frauen!), mit Unterwäsche zu werfen. Geht’s noch?

Übrigens, wenn „Schwarzhändler“ bei den Angaben zu dem XX Konzert schon gegendert wurde, müsste dann „Schweine“ nicht auch konsequenterweise in „Säue“ geändert werden?
Trotz meiner vielen Kritikpunkte muss ich den Ärzten jedoch eines lassen: Durch das XY/XX Konzert sind sie rechtzeitig zur kommenden Tour plötzlich wieder überall im Gespräch.
* Seinen Namen und/oder sein Geschlecht im Melderegister ändern zu lassen, ist an einige Auflagen gebunden. Die Rechtsprechung in Deutschland ist diesbezüglich nicht eindeutig und kann von Fall zu Fall variieren; ich habe da selber keinen genauen Überblick. Manche wollen ihr Geschlecht im Melderegister auch gar nicht ändern lassen. Man kann Transgender nicht über einen Kamm scheren, weil unter diesem Begriff alle Menschen zusammengefasst werden, die in irgendeiner Weise nicht dem binären Geschlechtersystem entsprechen; es ist also eine sehr heterogene Masse.

Vor einiger Zeit habe ich auf einem Dorffest eine Szene erlebt, die mich im Nachhinein auf die Palme gebracht hat. Zu später Stunde suchte ich die Toilette auf. Es gab, wie das meistens so ist, drei separate Toilettenräume, die durch Schilder mit jeweils einem Männchen, einem Männchen im Kleid oder einem Männchen im Rollstuhl als Herren-, Damen- und Rollstuhlfahrertoiletten gekennzeichnet waren. Wie das auch meistens so ist, hatte sich vor der Damentoilette eine lange Schlange gebildet, während auf der Herrentoilette nur ein geringer Andrang herrschte. Personen im Rollstuhl habe ich überhaupt keine gesehen. Die Gesamtheit der Toilettenbesucher war also sehr ungleichmäßig auf die drei Toilettenräume verteilt. Führt man sich das vor Augen, ist es nichts anderes als logisch, dass einige Damen zur Verkürzung der Wartezeit auf die Herren- und Rollstuhlfahrertoiletten auswichen. Rollstuhlfahrer waren wie gesagt keine da, und die meisten Herren gingen sowieso nicht in eine Kabine, sondern benutzten das Pissoir, daher war das überhaupt kein Problem. Die zwei (ganze zwei!) Herren, die ich in der Toilette sah, ließen sich durch die Damen nicht stören, und auch die Dame, die für die Sauberkeit der Toiletten verantwortlich war, erhob keine Einwände dagegen. Warum auch. Das System funktionierte wunderbar. Aber dann tauchte plötzlich ein Securitymensch auf und meinte, sich da einmischen zu müssen. Er bemühte sich, die Damen aus der Herrentoilette zu scheuchen, was ihm nach mehrmaliger Aufforderung und lauterer Stimme leider auch gelang. Seine Begründung war, dass das die Herrentoilette sei. Daran missfielen mir drei Dinge:

Erstens: Was sind die Aufgaben der Securitymenschen auf einem Dorffest? Richtig, sie sollen Präsenz zeigen, bei Streitigkeiten unter Anwesenden deeskalierend wirken und ähnliches. Das heißt, solange es auf den Toiletten friedlich zugeht, kann es ihnen herzlich egal sein, ob die Damen bei großem Andrang auf die Herrentoilette ausweichen.

Zweitens: Sein Handeln war inkonsequent. Wenn er einfach eine Art Ordnungszwang gehabt und die Damen deshalb der „falschen“ Toilette verwiesen hätte, hätte ich das ja noch nachvollziehen (wenn auch trotzdem nicht gutheißen) können. Allerdings hat er die Damen nur von der Herrentoilette vertrieben. Die, die vor der Rollstuhlfahrertoilette anstanden, hat er unbehelligt gelassen, obwohl offensichtlich keine von ihnen im Rollstuhl saß.

Drittens: Niemand hat das Recht, einem anderen Menschen vorzuschreiben, welches Geschlecht er habe. Das hat der Securitymensch aber getan, indem er die Damen der Herrentoilette verwiesen hat. Zugegeben, die waren alle sehr feminin und daher war anzunehmen, dass sie sich tatsächlich selbst als weiblich sahen, aber es hätte durchaus auch ein Transmann darunter sein können.

Ganz abgesehen davon, dass es einfach lächerlich ist, jemandem zu verbieten, eine freie Toilette zu benutzen, nur weil sein Geschlecht und das Männchen auf dem Schild (vermeintlich) nicht zusammenpassen.

Leider ist mir das alles erst im Nachhinein eingefallen. Eigentlich hätte ich aus Protest die Herrentoilette benutzen müssen. Was hätte der Securitymensch schon dagegen tun wollen? Ich hätte zu gern mit ihm über sein Verhalten diskutiert.

Vor einiger Zeit war ich abends in einer Kneipe. An jenem Abend war auch eine fremde Frau mit einem ebenfalls fremden Begleiter anwesend. Fremd waren die beiden deshalb, weil sie aus einer anderen Stadt kamen, noch nie zuvor in jener Kneipe gewesen waren und dort auch niemanden kannten. Das hielt zumindest die Frau jedoch nicht davon ab, sich mit anderen Gästen zu unterhalten als wären sie alte Bekannte. So auch mit einem offen lesbischen Paar mittleren Alters, das zwar nicht unmittelbar neben mir, aber noch in Hörweite saß. Da die Fremde durch ihr extrovertiertes Wesen, das, wenn nicht durch ihre zunehmende Trunkenheit verursacht, doch zumindest dadurch unterstützt wurde, schon für einige Lacher meinerseits gesorgt hatte, bemühte ich mich, ihr Gespräch mit dem Paar zu verfolgen. Dem allgemeinen Lautstärkepegel ist es geschuldet, dass ich nicht alles verstand, aber der Ausspruch „Lesbisch? Akzeptier ich!“ ließ mich aufhorchen. Ich war etwas verwundert und gleichzeitig irritiert. Verwundert war ich darüber, dass die Fremde erst im Gespräch erfahren hatte, dass die beiden Frauen ein Paar waren, denn das war offensichtlich. Ich hatte noch nie jemanden ein Wort darüber verlieren hören; für die Stammgäste war das Paar wie jedes andere auch. Dass die Fremde die Frauen nicht direkt als Paar erkannt hatte, war aber nicht weiter schlimm. Schlimm war ihre Reaktion, die mich so irritierte, die Versicherung, dass sie das Lesbischsein der beiden Frauen akzeptiere. Auf den ersten Blick mag diese Reaktion positiv sein. Hey, sie hat nichts gegen Lesben, sie akzeptiert sie sogar, ist doch super! Mir stieß das jedoch instinktiv sauer auf, und nach kurzer Überlegung wusste ich auch, warum. Das Paar hatte die Akzeptanz der Frau nicht nötig. Wie oben schon erwähnt, nahm das Paar in der Kneipe keine Sonderstellung ein. Niemand gab ihnen das Gefühl, „anders“ zu sein. Niemand, bis auf diese fremde Frau, die mit ihrem sicherlich gut gemeinten Ausspruch sagen wollte, dass sie nichts gegen Lesben hatte. Obwohl ihr vermutlich nicht bewusst war, dass ihr Ausspruch implizierte, dass Homosexualität im Gegensatz zu Heterosexualität gesonderter Akzeptanz bedürfte, gab sie dem Paar damit eine Sonderstellung. Diese Sonderstellung, die sie jenem Paar stellvertretend für alle gleichgeschlechtlichen Paare gab, lehnte (und lehne) ich entschieden ab, denn homosexuelle Menschen sind genauso „normal“ wie heterosexuelle auch. Ich nahm an, dass die beiden Frauen das ähnlich sähen wie ich, und wartete gespannt auf eine entsprechende Reaktion. Aber es kam keine. Ich weiß nicht, ob sie nicht bemerkt hatten, dass die Fremde ihnen eine Sonderstellung gab, ob es ihnen egal war oder ob sie es aus anderen Gründen übergingen, aber ich war irritiert. Die Frauen mussten doch für ihre Gleichheit eintreten! Aber sie taten es nicht, und ich fühlte mich auch nicht berufen, mich in das fremde Gespräch zu mischen. Wenn die Frauen nicht auf ihre Gleichheit pochten, welches Recht hätte ich dann gehabt, das für sie zu übernehmen? Keines. Aber auf meine eigene Gleichheit kann ich bestehen. Ich will keine Sonderstellung aufgrund meiner sexuellen Orientierung. Niemand sollte das wollen, und wer sich einer Sonderstellung aufgrund seiner sexuellen Orientierung ausgesetzt sieht, sollte dagegen vorgehen.

(Am Rande sei noch bemerkt, dass die Fremde im weiteren Verlauf des Abends die Sonderstellung, die sie den beiden Frauen gegeben hatte, bekräftigte, indem sie beide unvermittelt auf den Mund küsste, wogegen das Paar jedoch auch nichts sagte. Bei anderen Gästen tat die Fremde das nicht. Aber hey, sind doch Lesben, da ist das schon in Ordnung!)